Flüchtlinge am Hafen von Lesbos. Nach ihrer Ankunft landen die Menschen im Elend - staatliche Versorgung gibt es so gut wie kaum. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer versorgen sie mit dem Nötigsten. Foto: Björn Kietzmann

Gefangen in der Krise – Flüchtlinge in Griechenland


Griechenland befindet sich in einer tiefen ökonomischen Krise. Gleichzeitig ist das Land konfrontiert mit der Ankunft von über 80.000 Bootsflüchtlingen in den ersten sieben Monaten dieses Jahres.
 

Die Route über die türkisch-griechische Ägäis ist mittlerweile der Haupteinreiseweg für Schutzsuchende nach Europa. Die Menschen aus Syrien, Afghanistan und Irak stranden in einem Land, wo es noch nie ein funktionierendes Schutzsystem gab. Legale Möglichkeiten zur Weiterreise in andere EU-Staaten sind versperrt. Angesichts der aktuellen Ankünfte – oft 1.000 Flüchtlinge pro Tag – ist Griechenland selbst bei bestem Willen nicht in der Lage, ein Aufnahme- und Asylsystem bereitzustellen.

Es fehlt an allem: Unterkünfte, Nahrungsmittel, eine medizinische Basisversorgung für die Ankommenden. Das allgemeine Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps. Und vor allem: Es fehlt an einer zeitnahen Registrierung. Ohne sie können die Flüchtlinge nicht weiter – sie sind in der Krise gefangen. Erschütternde humanitäre Zustände sind die Folge.

Noch schlimmer als auf den Ägäischen Inseln ist die Situation im griechisch-mazedonischen Grenzgebiet. Völlig erschöpfte Männer, Frauen und Kinder – mehrheitlich aus Syrien und Afghanistan – schleppen sich durch das Land. Alte und kranke Menschen werden im Rollstuhl bei sengender Hitze die Straßen entlang geschoben. Ohne umfangreiche europäische Nothilfe droht eine Katastrophe.†

RSPA: Das PRO ASYL Projekt in Griechenland 

Seit 2007 ist PRO ASYL in Griechenland aktiv. Zusammen mit Menschen vor Ort wurde ein Netzwerk für den Flüchtlingsschutz aufgebaut. Im Februar 2015 haben wir unsere Aktivitäten nochmals intensiviert. Anwältinnen, Dolmetscher, Sozialarbeiterinnen und Rechercheure – insgesamt zwölf Personen sind gegenwärtig in der Ägäis für unser „Refugee Support Program Aegean“ (RSPA) im Einsatz. 

Vom 6. bis 13. Juli 2015 war ein PRO ASYL-Team vor Ort, um dort gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen zu besprechen, was aktuell zu tun ist. Europa muss endlich reagieren und legale Wege für die Flüchtlinge öffnen. Sie müssen die Möglichkeit erhalten, zu ihren Familienangehörigen und Communities in anderen EU-Ländern weiterzureisen. Solange die EU sich verweigert, appellieren wir an die internationalen Hilfsorganisationen, sich unverzüglich für das Überleben der Flüchtlinge im griechischen Transit einzusetzen.

Warten auf Essen. Nahrung erhalten die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln und im griechisch-mazedonischen Grenzgebiet oft nur dank solidarischer Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Foto: Simon Melchers

Ergebnisse der Arbeit von PRO ASYL

– Bereits seit 2007 prangert PRO ASYL die menschenrechtswidrige Behandlung von Flüchtlingen in Griechenland an. 2011 stoppte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Abschiebungen nach Griechenland.

– Im November 2013 veröffentlichten wir den Bericht „Pushed back“ – eine Dokumentation über brutale völkerrechtswidrige Zurückweisungen im griechisch-türkischen Grenzgebiet, von denen mehr als 2.000 Flüchtlinge betroffen waren. Der Bericht erregte in ganz Europa großes Aufsehen. 

– Zumindest zeitweise konnte anscheinend der von PRO ASYL aktuell mitorganisierte Druck auf die griechischen Behörden etwas bewirken. Anfang Juli wurden auf Lesbos plötzlich für über tausend Flüchtlinge Papiere ausgestellt. 

– PRO ASYL gelingt es immer wieder, für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge legale Ausreisen aus Griechenland zu ermöglichen. Dies sind jedoch Einzelfälle – eine wirkliche Lösung der griechischen und europaweiten Flüchtlingskrise kann nur durch eine solidarische Flüchtlingsaufnahme in Europa erreicht werden. PRO ASYL setzt sich dafür auf allen Ebenen ein. Dabei setzen wir auf Ihre Hilfe. Bitte unterstützen Sie den Einsatz von PRO ASYL für eine gerechte und humane europäische Flüchtlingspolitik.

 

 

Foto: Ozge Elif Kizil / Anadolu Agency

Bitte unterstützen Sie die Arbeit des Refugee Support Program Aegean:

 

Förderverein PRO ASYL e.V.

Spendenkonto-Nr.: 8047300

Bank für Sozialwirtschaft Köln

BLZ: 370 205 00

IBAN: DE62 3702 0500 0008 0473 00

BIC: BFSWDE33XXX

Das PRO ASYL-Projekt „Refugee Support Program Aegean“: Einblicke in die tägliche Arbeit.

Einsatz gegen Willkür

Stundenlang harren Flüchtlinge vor Polizeistationen auf Lesbos aus, um endlich registriert zu werden. Immer wieder werden sie weggeschickt – sogar Menschen, die verletzt und besonders schutzbedürftig sind. Unsere Anwältinnen intervenieren, gehen gegen Willkür vor. In und um Mytilene auf der Insel Lesbos campieren mehr als 5.000 Flüchtlinge.

Ermöglichung legaler Ausreise

Unser Team hilft Schutzsuchenden, die Verwandte in Deutschland oder anderen EU-Staaten haben, bei der legalen Weiterreise zu ihren Familien. So treffen wir auf Lesbos zum Beispiel eine junge Afghanin aus Deutschland, die verzweifelt einen Weg für ihre Eltern und Geschwister sucht, zu ihr kommen zu dürfen. Der bürokratische Prozess für die legale Weiterreise dauert jedoch viele Monate. Wie soll die Familie in der Zwischenzeit überleben? Muss sie sich auf den gefährlichen „illegalen“ Weg machen?

Kampf für Gerechtigkeit 

Im Herbst 2014 wurde der syrische Flüchtling A. von einer Kugel getroffen, während er sich unter Deck eines Flüchtlingsbootes befand, das in Richtung griechische Inseln unterwegs war. Die griechische Küstenwache feuerte auf den Motor des Bootes, A. erlitt schwere Hirnverletzungen. Bis heute liegt er im Koma. Unsere Anwältinnen konnten die Familienzusammenführung des schwer verletzten Mannes nach Schweden erwirken. PRO ASYL übernimmt die Kosten für den Transport.

Suche nach Vermissten, Begleitung von Überlebenden und Angehörigen

Am 7. Juli 2015 kentert ein Flüchtlingsboot mit rund 40 Passagieren zwischen den griechischen Inseln Agathonisi und Farmakonisi. 21 Flüchtlinge werden von der türkischen und griechischen Küstenwache gerettet, eine Leiche wurde kurz nach der Katastrophe geborgen, 18 Menschen werden vermisst. Ein Angehöriger aus Deutschland kontaktiert PRO ASYL: Zwei Familienmitglieder – eine Frau und ein Mann – seien auf dem Boot gewesen. Unsere Anwältinnen nehmen die Suche auf. Der Mann wird kurz darauf in einem Krankenhaus auf Samos gefunden – die Frau ist verschollen.

Rechtshilfe gegen Kriminalisierung 

Wir stehen einer jungen griechischen Studentin in ihrem Prozess zur Seite. Sie hatte eine schwangere Frau zusammen mit anderen Flüchtlingen zur nächsten Polizeistation auf Lesbos gefahren. Ein Jahr Haft drohte ihr aufgrund dieses „Vergehens“. Der Staatsanwalt plädierte auf schuldig. Das Verfahren endet schließlich mit Freispruch. Die Warnung ist jedoch klar: Wer es wagt, Flüchtlingen zu helfen, wird von den Behörden schikaniert.